Wie hat sich das Medium Radio durch die Digitalisierung verändert?

Veröffentlicht von Teresa Becker am

Seit den 1980er Jahren wurde ein Großteil der technischen Kommunikation digitalisiert. Während das digitale Fernsehen, das Smartphone und das Internet ihre analogen Vorgänger zwischenzeitlich weitestgehend ersetzt haben, ist das analoge Funkradio noch immer ein beliebtes Unterhaltungsmedium. Es gab bereits Pläne, das analoge Radio abzuschaffen und vollständig auf digitales Radio umzusteigen; dies wurde aber bis heute noch nicht umgesetzt. Das Radio ist vermutlich das einzige Medium, das nach wie vor trotz digitaler Entwicklungen bei einer überwiegend analogen Sendetechnik geblieben ist.

Im Laufe der Jahre haben sich die Sendetechnik und die Programmgestaltung des Hörfunks aufgrund des gesellschaftlichen und digitalen Wandels verändert. Heute stehen uns mehr technische Möglichkeiten der Radiorezeption zur Verfügung und auch das Programmangebot ist deutlich diverser geworden. Die Entwicklung des Radios im Hinblick auf die Digitalisierung soll im nachfolgenden Text erörtert werden. Da sowohl der Radiobegriff als auch der Digitalisierungsbegriff breit gefächerte Termini sind, soll jeweils eine kurze, hier gültige Arbeitsdefinition das Leseverständnis erleichtern.

Nach einem kurzen einleitenden Überblick über die wichtigsten Ereignisse bei der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Radios werden die Anfänge der Digitalisierung beschrieben. Zur Klärung der Leitfrage des Textes folgt eine Darstellung der Auswirkungen der Digitalisierung auf das Medium Radio und seine Rezeption sowie die Veränderungen, die das Medium Radio als Institution durch die Digitalisierung erfahren hat. Die Auswirkungen des Wechsels von der analogen zur digitalen Produktionstechnik auf die Programmgestaltung des Radios sind von der Kommunikations- und Medienwissenschaft bis heute kaum erforscht. Dennoch lassen sich am Ende des Textes einige signifikante Veränderungen des Radios durch die Digitalisierung beschreiben, die auch Einwirkungen auf die Zukunft des Radios haben werden.

Technische und gesellschaftliche Entwicklung des Radios

Der Begriff Radio beschreibt in diesem Zusammenhang ein Medium, welches zur drahtlosen Übertragung von akustischen Informationen, wie z.B. Nachrichten, Musik- und Wissensbeiträgen an viele räumliche entfernte Empfänger*innnen genutzt wird. Mit dem Begriff ist nicht nur das Gerät als solches gemeint, sondern er impliziert auch die Eigenschaften, die wir im deutschen Sprachgebrauch unter der Institution des Hörfunks und seiner Programmgestaltung verstehen. Damit ist unter anderem auch die durchgängige Dramaturgie des Radios gemeint, welche sich wie ein roter Faden durch den Sender zieht und von den Hörer*innen nur bedingt durch Partizipationsangebote, wie z.B. Telefonanrufe, sogenannte Call-Ins beeinflusst werden kann.

Im 19. Jahrhundert beschäftigte sich die Forschung erstmals mit der Entwicklung einer Möglichkeit, Informationen mittels Elektrizität drahtlos über weite Distanzen versenden zu können. Durch die Entdeckung der elektrischen Wellen durch Heinrich Hertz im Jahr 1887 wurde erstmals die drahtlose Telegrafie und später auch die Übertragung von akustischer Sprache und Musik möglich. Dieser Fortschritt wurde zuerst nur für den kommerziellen und militärischen Nutzen eingesetzt und diente dazu, eine Nachricht an möglichst viele Empfänger*innen zu senden.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich das Radio zunehmend als Unterhaltungsmedium. Nachdem die Niederlande und die USA den Anfang machten, wurde im Jahr 1923 auch in Deutschland die erste Unterhaltungssendung im Radio ausgestrahlt. Im zweiten Weltkrieg wurde das Radio durch die Nationalsozialisten als zentrales Instrument der Informationsübermittlung zu Propagandazwecken missbraucht. Um dem entgegenzuwirken, folgte nach dem Krieg die Einführung der kontrollierten Rundfunkordnung. Man orientierte sich an dem britischen System der BBC (British Broadcasting Corporation), welche dezentral kontrolliert und gebührenfinanziert geführt wurde. Im Laufe der Zeit vergrößerte sich das Spektrum der Sendungsformate. So wurden neben Musik und Nachrichten auch die Ausstrahlung von Kulturprogrammen, Diskussionen, Sendungen mit Hörerbeteiligung, Aufklärungsarbeit sowie die Vermittlung demokratischer Werte eingeführt.

In den 1970er Jahren erfuhr das Radio erstmals Konkurrenz durch den Fernseher. Das Radio war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr das einzige Medium, das man zu Unterhaltungszwecken oder gezielt zum Hören einer bestimmten Sendung einschaltete. Es folgte daraufhin ein Wandel des Radios als Medium, welches nun in erster Linie seine Hörer*innen mit Hintergrundunterhaltung durch den Tag begleiten sollte. Dem passte sich auch die Programmgestaltung an, welche in der Folge mehr Abwechslung, eine regelmäßige und schnelle Berichterstattung sowie mehr Musik beinhaltete. Zudem wurde eine ‚Popwelle‘ eingeführt. Im Jahr 1981 erfolgte schließlich die Einführung des Privatrundfunks. Dieser führte in dem vorher ausschließlich öffentlich-rechtlich organisierten Medium zu einer größeren Vielfalt der Sender, welche sich hinsichtlich der Zielgruppen und der sogenannten ‚Musikfarben‘ unterschieden.

Die Anfänge der Digitalisierung im Hörfunk

Unter Digitalisierung verstehen wir die Umwandlung von Signalen in Datenpakete auf der Basis von Binärcodes. Diese ermöglicht technisch qualitativ verlustfreie und schnellere Distributionswege von Daten. Seit 1982 können auch Audiodateien im Dateiformat MP3 digitalisiert werden. Auch das Radio wurde von dieser Veränderung berührt. Die Entwicklung des Dateiformats ermöglichte unter anderem die Ausstrahlung von Internetradio. Vor allem der Ausbau schnellerer und besserer Breitbandinternetverbindungen im Laufe der Jahre begünstigten eine Beschleunigung der Übertragung und einen Anstieg der Klangqualität gegenüber dem Funkradio. Seit dem Ende der sechziger Jahre ist parallel auch ein stets voranschreitender Ausbau der Computertechnik in der Hörfunkproduktion zu verzeichnen. Die Digitalisierung erhielt hier Einzug in Form von Prozessrechnern, digitaler Gerätetechnik und digitalen Tonträgern. Automatisierte Playlists, O-Töne und vorproduzierte Sendungen sorgten für einen zunehmend geringeren Personalaufwand und führten letztendlich zur Stellenreduktion im Hörfunk.

Auswirkungen der Digitalisierung auf das Radio

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Medium Radio lassen sich an mehreren Stellen erkennen: Vor dem Internet war das Radio das schnellste, und am leichtesten zugängliche Medium zur Nachrichtenübermittlung. Das Konsumentenverhalten hat sich jedoch dahingehend verändert, dass zur unmittelbaren Informationsbeschaffung heute nun das Internet, anstelle des Radios verwendet wird und auch der Anspruch an die Berichterstattung des Radios sich verändert hat. Des Weiteren war für Musiker*innen in der Vergangenheit vor allem die Radiopräsenz ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Karriere, wohingegen für diese heute vor allem die Präsenz im Internet, wie z.B. auf Streamingplattformen von hoher Bedeutung ist. So hat das Radio als Informations- und Ausstellungsplattform deutlich an Relevanz gegenüber dem Internet verloren.

Auch auf Seiten der Sendetechnik hat die Digitalisierung dem Radio neue Möglichkeiten eröffnet. Neue Entwicklungen, wie das Internetradio und das Digitalradio ergänzen das klassische über Funkwellen „terristrisch“ zu empfangende Radio. Durch den Zugriff auf Radiosender über das Internet erhalten die Hörer*innen eine viel größere Auswahl an Sendern, welche demgegenüber im Radiogerät durch die begrenzte Anzahl der Frequenzen im UKW-Bereich nicht in der gleichen Breite verfügbar ist. Damit ermöglicht die Digitalisierung neben der Erweiterung des Sendeangebots auch die Etablierung kleinerer Sender für ein Nischenpublikum. Das Internet bietet den Hörer*innen derweil überwiegend störungsfreies und hochqualitatives audio on demand, zusätzliche Informationen über Songs, Sendungen und die Nachrichtenlage sowie oftmals einen zeitunabhängigen Zugriff auf selbstproduzierte Podcasts und Sendungen. Damit werden vor allem Nutzer*innen ohne Radiogerät erreicht und die Zahl der Radio hörenden sogenannten Onliner, die während der Internetnutzung auditiv unterhalten werden möchten, ist folglich in den letzten Jahren deutlich angestiegen .

Im Jahr 1995 wurde in Deutschland ein neues Radioformat Digital Audio Broadcasting (DAB), als terrestrischer Übertragungsstandard für digitale Radiosignale eingeführt. DAB sollte weltweit als technisch weiterentwickelter Nachfolger des Analogradios eingeführt werden und in Deutschland das UKW-Radio ablösen. Es dauerte nicht lange, bis erste Schwächen der Technik auftraten, welche jedoch behoben werden konnten und zur Einführung von DAB+ führten. Die Vorteile gegenüber dem Analogradio ließen sich vor allem in einer höheren Klangqualität, dem stabileren Empfang auch bei mobilen Geräten wie Autoradios, einer größeren Vielfalt an Sendern durch die hohe Anzahl der Frequenzen und die Möglichkeit einer zusätzlichen Übertragung von visuellen Daten lokalisieren. Gegenüber dem Internetradio hoben die Befürworter von DAB+ hervor, dass dieses keine laufenden Kosten oder die Belastung von Internetkontingenten verursache, sowie einen hohen Datenschutz und auch im Katastrophenfall den Empfang und die Übertragung von Informationen gewährleiste. Die „Initiative digitaler Rundfunk“ der damaligen Bundesregierung sah vor, dass alle Radioübertragungen ab 2010 digital erfolgen sollten. Dies ist aber bis heute nicht umgesetzt worden. Der Grund dafür ist unter anderem, dass sich aus Kostengründen nicht alle Bundesländer sich der Umsetzung anschlossen, sodass eine landesweite flächendeckende Versorgung sowie die globale Reichweite der digitalen Informationen nicht gewährleistet werden konnte. Zudem war die Anschaffung der DAB+-fähigen Geräte für die Bevölkerung mit vergleichsweise hohen Kosten gegenüber klassischen Radiogeräten verbunden .

Veränderungen des Radios durch die Digitalisierung

Es zeigt sich, dass die voranschreitende Digitalisierung Alternativen zum analogen Radio hervorgebracht hat, jedoch das ursprüngliche UKW-Radiogerät nicht aus den Haushalten verdrängen konnte. Dieses wird bis heute immer noch am meisten für den Hörfunkempfang genutzt. Durch die Digitalisierung entstanden jedoch eine Vernetzung und Verzahnung der Kommunikationsmedien und auch das Radio wurde zum Bestandteil intermedialer Referenzen, z.B. durch schriftliche Reaktionen von Hörer*innen im Internet. Auch die Bedeutung der intermedialen Zusammenarbeit wurde durch die Digitalisierung verändert. Das Internet ist mittlerweeile ein weiterer Distributionsweg des Radios geworden und durch die Bereitstellung von Audiodateien wird das Radio zitierfähig . Dennoch gefährdet die Digitalisierung weiterhin das klassische terristrische Analogradio in seiner Funktion als weltweit verbreitetes, vielfältiges und krisensicheres Universalmedium. Aufgrund der global unterschiedlich verlaufenden Digitalisierung und heterogener Ansätze zur Entwicklung neuer Technologien zur Digitalisierung des Radios besteht die Gefahr, dass die Bedarfe der Nutzer*innen zugunsten kommerzieller Interessen der Länder in den Hintergrund gedrängt werden und das Radio seine Universalität verliert . Der gescheiterte Versuch einer Ablösung des analogen Radios durch das digitale Radio (DAB) zeigt, dass sich jenes in der (deutschen) Gesellschaft nicht so leicht ersetzen lässt. So bleibt bis heute offen, ob das analoge Radio auch in Zukunft weiterhin neben den digitalen Optionen als das zentrale Rundfunkmedium unserer Gesellschaft bestehen bleibt.

Literatur

 

Zitation

Becker, T. (2022). Wie hat sich das Medium Radio durch die Digitalisierung verändert? Musik und Medien – Das Wissensportal. Online verfügbar unter https://www.musikundmedien.org/2022/04/07/becker_1/

Kategorien: ErlebnisRezeption

Teresa Becker

Studentin im Master-Studiengang „Medien und Musik“ an der HMTM Hannover, Musikmanagerin und Hobbymusikerin.